mumag > Gedichtauswahl > Hebbel

Friedrich Hebbel

Lebens-Momente

Motto:

Wolken, längst hinab gezogen,
   Steigt noch einmal wieder auf,
Aber, lichter Regenbogen,
   Drücke Du Dein Bild darauf.

1.

Jetzt ist die Nacht gekommen,
   Die mich geboren hat,
Ich fühle es beklommen,
   Die ernste Stunde naht.
Jetzt will ich mich versenken
   Tief in mein eignes Herz
Zugleich mit Ehrfurcht lenken
   Die Blicke himmelwärts.

Die mich den Finsternissen
   Der uralt-ew'gen Kraft
Als Creatur entrissen,
   Die selber steht und schafft:
Die Stunde, oder keine,
   Erhellt den Traum der Zeit,
In dem ich knirsch' und weine,
   Mit Licht der Ewigkeit.

Doch nur vergebens ranke
   Ich mich empor, es sprengt
Von oben kein Gedanke
   Den Ring, der mich beengt.
Da fühl' ich denn mich schauernd,
   Wie niemals noch, allein,
Und der ich bin grüßt trauernd
   Den, der ich könnte seyn!

Ich will nicht lange fragen:
   Warum, als ich begann,
Mir Licht und Luft versagen?
   Umsonst nur fragt' ich an.
Stolz aber darf ich sprechen:
   Versagte Gott mir's nicht,
So konnt' ich Manches brechen,
   Was jetzt mich selber bricht.

Liegt Einer schwer gefangen
   In öder Kerkernacht,
So tödt' er das Verlangen
   Nach Freiheit, wenn's erwacht.
Wenn auch ein ernstes Streben
   Zuletzt das Ziel erringt,
Wer giebt ihm Muth und Leben
   Zurück, die es verschlingt?

Tritt er hinaus in's Freie
   Und fühlt sich ganz zerstört,
Da frägt er sich mit Reue,
   Warum er sich empört.
Und stärker, immer stärker,
   Wird er sein eigner Feind,
Bis ihm zuletzt sein Kerker
   Als seine Welt erscheint.

Wie der Gedank' auch brenne,
   Doch wünsch ich, menschlich-mild,
Daß Keiner sich erkenne
   In diesem dunklen Bild.
Die eigne Qual wird's dämpfen,
   Wenn Ihr es nimmer wißt,
Welch Leben dies mein Kämpfen
   Um eine Grabschrift ist.

2.

Schlafen, Schlafen, Nichts als Schlafen!
   Kein Erwachen, keinen Traum!
Jener Wehen, die mich trafen,
   Leisestes Erinnern kaum,
Daß ich, wenn des Lebens Fülle
   Nieder klingt in meine Ruh,
Nur noch tiefer mich verhülle,
   Fester zu die Augen thu'!

3.

Was ist die Welt? Der Schößling böser Säfte,
   Die aus sich selbst die Gottheit einst ergoß,
Als sie, ausscheidend alle dunklen Kräfte,
   In sich selbstsüchtig sich zusammen schloß.
Die steigen nun in grimmigem Geschäfte
   Zu ihr empor und fordern ihren Schoß.
Umsonst. Sie dürfen tobend sich empören,
Doch nur, damit sie so sich selbst zerstören.

Was ist der Mensch? Er ist die morsche Brücke
   Von der Natur zu Gott, die kühn und frei
Ihr Geist beschreitet, ob die innre Lücke
   Denn nicht von oben her zu stopfen sey.
Vergebens! Denn im rechten Augenblicke
   Bricht unter ihm sein Werkzeug stets entzwei,
Damit den Stolzen noch das Wissen quäle,
Daß ihm nichts Großes, nur das Kleinste fehle.

Was ist das Ende aller dieser Kämpfe ?
   Ermattung, gänzliche, im kranken Seyn !
Am Abschluß der verworrnen Lebenskrämpfe
   Stellt zur Verzweiflung sich die Ohnmacht ein.
Von oben dann, daß er das Grauen dämpfe,
   Ein Gnadenstral, wie Leichenkerzenschein.
Der Wesen letztes wird nicht mehr geboren,
Im Schooß der Mutter stirbt es, weltverloren!

4.

Was willst Du, Sonnenschein,
   Was wollt Ihr, laue Lüfte?
Ihr stellt zu spät Euch ein
   Und buhlt um süße Düfte!

Komm Du heran, o Nord,
   Willkommenster von allen;
Die Blüte ist verdorrt,
   Nun will die Nichts, als fallen!

5.

Und mußt Du denn, trotz Kraft und Muth,
   In jedem Dorn Dich ritzen,
So hüt' Dich nur, mit Deinem Blut
   Die Rosen zu bespritzen!

6.

Unergründlicher Schmerz!
   Knirscht' ich in vorigen Stunden:
   Jetzt, mit noch blutenden Wunden
Segnet und preist Dich mein Herz

Alles Leben ist Raub;
   Funken, die Sonnen entstammen,
   Lodern, das All zu durchflammen,
Da verschluckt sie der Staub.

Nun ein heiliger Krieg!
   Höchste und tiefste Gewalten
   Drängen in allen Gestalten!
Trotze, dann bleibt Dir der Sieg.

Thatst Du in Qual und in Angst
   Erst genug für Dein Leben,
   Werden sie selbst Dich erheben,
Wie Du es hoffst und verlangst.

Greife in's All nun hinein!
   Wie Du gekämpft und geduldet,
   Sind Dir die Götter verschuldet,
Nimm Dir, denn Alles ist Dein!

Nun versagen sie Nichts,
   Als den letzten der Sterne,
   Der Dich in dämmernder Ferne
Knüpft an den Urquell des Lichts.

Ihm entlocke den Blitz,
   Der Dich, Dein Ird'sches verzehrend,
   Und Dich mit Feuer verklärend,
Löst für den ewigen Sitz!

Seitenanfang / top


Werbung amazon: Gedichtinterpretationen - Gedichtanalysen



Impressum - Datenschutz