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Ewald Christian von Kleist

Geburtslied

Weh dir, dass du geboren bist!
Das grosse Narrenhaus, die Welt,
Erwartet dich zu deiner Qual.
Nicht Wissenschaft, nicht Tugend ist
Ein Bollwerk fuer der Bosheit Wut,
Die dich bestuermen wird. Verdienst
Beleidiget die Majestaet
Der Dummheit, und wird dir gewiss
(Im Fall du dirs einmal erwirbst)
Ein kerkerwert Verbrechen sein.

Der Schatten eines Fehlers wird,
Bei hundert deiner Tugenden,
Der Laestrung greulichstes Geschrei
Oft hinter dir erwecken. Wenn,
Voll edeln Zorns, du kuehn die Stirn
Zum Laestrer kehrst, ist alles Ruh.
Ein Zeigefinger, der schon sinkt,
Ein Nickkopf, weis't dir kaum, was man
Begonnen. Schnell toent hinter dir
Des Unsinns Stimme wiederum. –

Wenn du nicht wie ein Sturmwind sprichst,
Nicht saeufst, wie da die Erde saeuft,
Wo sich das Meer in Strudeln dreht;
Wenn kein Erdbeben deinen Leib
Zu ruetteln scheint, indem du zuernst:
So mangelts dir an Heldenmut.
Und tanzest du den Phyrnen nicht,
Von weiten, einen Reverenz:
So mangelts dir an grosser Welt.

Wenn du nicht spielst, und viel gewinnst,
Bis der, mit dem du spielst, erwacht;
Wenn Wollust unter Rosen nicht
Dich in die geilen Arme schlingt:
So fehlt dir Witz! so fehlt dir Witz! –

Nichts, nichts als Thorheit, wirst du sehn
Und Unglueck. Ganze Laender fliehn,
Gejagt vom Feuermeer des Kriegs,
Vom bleichen Hunger und der Pest,
Des Kriegs Gesellen. Und die See
Ergiesst sich wild; Verderben schwimmt
Auf ihren Wogen, und der Tod.
Ein unterirdischer Donner brüllt,
Die Erd eroeffnet ihren Schlund,
Begraebt in Flammen Feld und Wald,
Und was im Feld und Walde wohnt. –

Und fast kein tugendhafter Mann
Ist ohne Milzsucht, lahmem Fuss
Und ohne Buckel oder Star;
Ihn foltert Schwermut, weil er lebt! –
Dies alles wirst du sehn und mehr.

Allein du wirst auch die Natur
Voll sanfter Schoenheit sehn. Das Meer,
Der Morgenroete Spiegel, wird
Mit rotem Lichte dich erfreun,
Und rauschen dir Entzueckung zu.
Und kuehle Waelder werden dich
Verbergen, wenn die Sonne brennt,
In Nacht. Der Birken hangend Haar
Wird dich beschatten. Oft wirst du,
In bluehnden Hecken eines Tals
Voll Ruh einhergehn, atmen Lust,
Und sehen einen Schmetterling
Auf jeder Bluet', in bunter Pracht,
Und den Fasan im Klee, der dir
Denselben Hals bald rot, bald braun,
Bald gruen, im Glanz der Sonne, zeigt.

Auch Wiesen werden dich erfreun,
Mit Regenboegen ausgeschmueckt,
Und in der Flut ein Labyrinth
Von Blumen, und manch bunter Kranz,
Aus dessen Mitte Phoebus Bild,
Voll Strahlen, blitzt, und ueber dem
In holden Dueften Zephyr schwaermt.
Die Lerche, die in Augen nicht,
Doch immer in den Ohren ist,
Singt aus den Wolken Freud herab,
Dir in die Brust. Auch Tugend ist
Noch nicht verschwunden aus der Welt,
Und Friedrich lebt, der sie belohnt,
Und sie ist selbst ihr reichster Lohn.
Mitleiden, Grosszmut, Dankbarkeit,
Und Menschenlieb und Edelmut
Wirkt Freud, und Freude nur ist Glueck.
Fuehl Tugenden, so fuehlst Du Glueck! –

Und mancher Freund wird dich durch Witz
Und Liebe (wie mein **** mich)
Beseeligen, und sein dein Trost,
Wenn Falschheit dein Verderben sucht.
Lass Neid und niedre Raben schrein,
Und trinke du der Sonne Glut,
Gleich einem Adler. Huelle dich
In deine Tugend, wenn es stuermt. –
Doch oefter lacht der Himmel dir;
Das Leben ist mehr als Lust und Schmerz.
Wohl dir, dass du geboren bist!

(eingesandt von Philipp Weber)

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