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Albert Roderich

Die Schülerin

(auch: „Die alte Schülerin“)

Zum Dorfschulmeister kam Frau Antje Kramm.
Das Alter hat ihr weißes Haupt gebeugt,
Und mühsam nur bewegt sie sich an Krücken.
»Grüß Gott, Großmütterchen, was führt Euch her?«
»Herr Lehrer, ich will lesen lernen.« – »Wie?!«
»Ja, ich will lesen lernen.« – »Mutter Antje,
Vergebt, wie alt seid Ihr?« – »Wenn ich's erlebe,
Am nächsten Sonntag bin ich sechsundsiebzig.«
»So lange ging es ohne das – und jetzt –
Warum wollt Ihr denn jetzt noch lesen lernen?«
Bis an die weißen Haare überzog
Das furchenreiche Antlitz dunkle Röte.
»Egal, warum, ich will's ja nicht umsonst.
Und wollt Ihr's nicht, so geh ich zum Herrn Pfarrer.«
»Ei, ei, ich will wohl – aber, Mutter Antje,
Das Lesenlernen, glaubt mir, ist nicht leicht.«
Und Mutter Antje lernte, lernte schnell.
Die halberloschnen Augen mühten sich,
Die letzte Kraft vergeudend, und das Haupt,
Das altersschwache, in die Hand gepreßt,
Die zitternde, übt ungewohntes Tun.
Und als Frau Antje buchstabieren konnte
Und langsam mühsam, auch ein wenig lesen,
Da sprach Frau Antje: »Nun kann ich genug!«

Im kleinen Städtchen, eine halbe Meile
Entfernt gelegen von Frau Antjes Dorf,
Am Friedhof ist ein hoher Stein errichtet;
Der trägt im Marmorschilde dreißig Namen,
Die Namen trägt von dreißig Helden er,
Die in der Schlacht von Orléans gefallen.
Und Mutter Antje wandert Tag für Tag
Zum Heldendenkmal, und, das greise Haupt
Mühsam und schmerzensvoll emporgehoben,
Liest sie den Namen Erich Wilhelm Kramm,
Liest sie den Namen ihres einz'gen Sohnes.

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