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Frida Schanz

In Sturmes Not

»ERWACHT! Ein Schiff ist in Sturmes Not!«
In eiskaltem düsterem Morgenrot
Rief es dumpfdonnernder Schüsse Wucht
Dem Fischerdorf zu in der Nordseebucht.
Da standen, die eben noch tief geruht,
Schon am schaurigen Strand, vom Nordost umpfiffen,
Schon in tätiger Hast, schon in schweigendem Mut.
Ein Schoner sass fest auf den sandigen Riffen. –
Schnell musste die rettende Hilfe nahn,
Eh die tobenden Wellen ihr Opfer fassten.
Die Mannschaft hing hoch in den schwankenden Masten,
In den frostglatten Tauen, den starren Raa'n.
Da war kein Besinnen, kein Halt, da war
Ein einziges Kommando: Rettungsboot klar!
Und das Boot lag im Nu auf den nachtschwarzen Wellen.
Weh! Harro, der Führer, war nicht am Ort!
Doch was half's? –
          Acht andere harte Gesellen
Sassen im Fahrzeug und schifften fort.
Sie kämpften sich durch, vom Tode umdroht,
Und brachten die Matten, die Schreckensbleichen
Im schwachen, überladenen Boot
Vom Wrack zum Strande, zum menschenreichen.
Da grüsste sie Jubel und Friede tief. –
Auch Harro war da. – Und Harro rief:
»Sind's alle?« –
          Dumpf wie das 'Bedauern spricht.
Kam die Antwort: »Alle! – Nur einer nicht!«
Der eine, ihn trug das Boot nicht mehr, –
Und der Sturm riss so wild an den knarrenden Leinen,
Und er hing in den Tauen, so steif, so schwer –
Ruhig sprach Harro: »Ich hole den einen!
Geht ihr mit?«
          Ihr Zögern sprach frostig: »Nein!«
Er sprang ins Boot: »So fahr ich allein!«
Kräftig nimmt er die Ruder zur Hand.
Da taucht sein Mütterchen auf am Strand
Und fleht ihn, wie's nur eine Mutter kann:
»Geh nicht! Vergiss ihn, den fremden Mann!
Deinen Vater haben die Wellen verschlungen,
Und denk deines Bruders, denk Uwes, des jungen,
Der nun seit Jahren schon draussen blieb!
Geh nicht! Bleib da! Deiner Mutter zu lieb!«
Harro sprach freundlich: »Du denke dran,
Dass den, den der Tod dort umfasst, der kalte,
Auch eine Mutter beweinen kann!
Ich fahre, Mutter!«
          Da schwieg die Alte. –
Vier Fischer sprangen zu ihm ins Boot.
Und vorwärts ging's in des Sturmes Not,
In heissem Kampf mit des Wetters Wut.
Das Wrack lag schon tief in der dunklen Flut;
Die Wogen umspritzten es, wild und keck.
Und Harro erklettert das sinkende Deck –
Und schwingt sich hinauf in die steifen Wanten
Und holt den Starren, den Frostgebannten,
Und bettet ihn still in den schwanken Kahn. –
Und als die Treuen dem Ufer nahn,
Entronnen der Not und dem Sturmesgrimme,
Hebt Harro fröhlich die kräftige Stimme
Und ruft durch die donnernde Brandung hell:
»Es ist Uwe! Sagt es der Mutter schnell!«

(1896)


siehe auch

  • Julius Wolff: In Sturmes Not
  • Reinhold Fuchs: Der letzte Mann an Bord
  • Felix Dahn: Die Brüder
  • Otto Ernst: Nis Randers
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