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Heinrich Seidel

Die Gaben

Es war ein Pastor, wer weiß wo?
Der predigte nur leeres Stroh,
und manche Klage war geschehn.
Ihn selbst zu hören und zu sehn,
beschloß der Superintendent.
Und als die Predigt war zu End,
da mußte er bedauernd sagen:
Die Leute haben recht, zu klagen.
Wie bring' ich ihm das glimpflich bei,
daß ihm das nicht zu schimpflich sei?
Und darum fing der gute Mann
ganz heimlich und verloren an:
»Ich hörte sie und war ganz Ohr.
Doch, wie bereiten sie sich vor,
mein lieber Bruder, möcht ich wissen?«
Und jener drauf: »Das kann ich missen!
So mancher druckt und sinnt und schreibt –
ich rede, wie der Geist mich treibt!«
»Ei, ei, was sind mir das für Sachen!
So könnt' ich das fürwahr nicht machen!«
Sprach nun der Superintendent:
»Das wäre nicht mein Element.
Am Donnerstag schon fang ich an
und überlege mir den Plan.
Am Freitag wird er dann entfaltet
und durchgeführt und ausgestaltet.
Dann schreib ich alles sorglich auf
und lern' es in des Samstags Lauf
und bin dann sicher meiner Sachen –
so, denk' ich, müßt' es jeder machen!«
Der Pastor aber schmunzelt sehr,
als ob ihm stark geschmeichelt wär.
»Ja, ja, das glaub' ich. Sicherlich
kann das nicht jedermann wie ich –
das muß der Mensch so in sich haben,
mein lieber Bruder – das sind Gaben!«

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